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Sagen, Mythen, Märchen / Michael Schodterer

1.07.2012

Um der Frage zu begegnen, ob Medien den Raum banalisieren, oder ihn bereichern, ist es von Vorteil sich damit zu beschäftigen, ob diese Problematik eine Neue ist. Im Laufe dieser Arbeit wird eine Taxonomie entworfen, die versucht, verschiedene Verhältnisse und Relationen von medialem und realem Raum aufzuzeigen und einzuordnen. Inwieweit dieses räumliche Spannungsfeld mit Sage, Mythos und Märchen zu tun hat, wird später weiträumig entwickelt, soll hier jedoch in einem kurzen Abriss verdeutlicht werden; Die Rolle des Ortes, dem materiellen Gefäß unseres Erfahrens, durchläuft bei den drei Gattungen eine spezifische Wandlung.
In der Sage ist der Ort unverzichtbarer Bestandteil des Geschehens, es ist von seinem Schauplatz abhängig, oder erklärt erzählerisch dessen Entstehung, wie zum Beispiel die Sage von des Teufels Hut, das die Geschichte erzählt, wie der Teufel einen riesigen Stein in dem Dorf Ehrenberg bei Altenburg als Hut verwendete, und Christus, um ihn zurecht zuweisen, den Stein am kleinen Finger trug. Noch heute soll man die Abdrücke beider am Stein erkennen können. Der Mythos entfremdet sich bereits von seinem Entstehungsort, da er nicht mehr von ihm abhängig ist, der Ort kann noch vorhanden sein, wohl aber verändert, entstellt oder gänzlich zerstört. Zwar hat der Mythos ebenfalls erklärenden Charakter, er bietet Gründe für die Existenz oder gibt Sinn wo es die Wissenschaft versagt, aber seine Bezüge sind außerhalb der Reichweite geraten. Man kann jede Form der Nostalgie hier einreihen, aber auch die Summe der Erzählungen eines Kulturkreises, die diesen in seiner Form definieren, als Mythologie bekannt.
Das Märchen hat im Gegensatz zu Sage und Mythos jegliche Örtlichkeit verlassen, es hat die breiteste Bedeutung, könnte überall geschehen. Die Beispiele für dieses Genre sind wohl am deutlichsten als solche ausgewiesen,wie etwa Rotkäppchen, das nur eine bestimmte Protagonistenkonstellation benötigt, ein moralisches Gerüst und ein glückliches Ende, um als Märchen gelten zu können, wenngleich es viele Märchen gibt, die sich gewissermaßen verstecken, jedoch ähnliche Züge aufweisen, vor allem Berichte anonymer Verfasserschaft, oder Autoren die für jene sprechen, ‘die selbst nicht sprechen können’, verknüpfen ihre Daten, oder dualistischen Wertvorstellungen oft in Märchenform.
Die Gebrüder Grimm haben maßgeblich zur Unterscheidung dieser Gattungen beigetragen, da sie im Zuge ihrer Sammeltätigkeit auf diese Kategorisierung stießen, wohl in Verlegenheit ob der Überfülle an Berichten, die sie einzuordnen suchten. Der Mythos – von den Brüdern nicht beschrieben – ist gewissermaßen das Bindeglied von Sage und Märchen, insbesondere im Bezug auf die Rolle des Ortes – worin der Mythos den Übergang von Sage zu Märchen bildet – der sich aus dem Geschehen und der damit verbundenen Bedeutungssphäre zurückzieht und verzichtbar wird.
«Das Märchen ist poetischer, die Sage historischer; jenes stehet beinahe nur in sich selber fest, in seiner angeborenen Blüte und Vollendung; die Sage, von einer geringern Mannigfaltigkeit der Farbe, hat noch das Besondere, daß sie an etwas Bekanntem und Bewußtem hafte, an einem Ort oder einem durch die Geschichte gesicherten Namen. Aus dieser ihrer Gebundenheit folgt, daß sie nicht, gleich dem Märchen, überall zu Hause sein könne, sondern irgendeine Bedingung voraussetze, ohne welche sie bald gar nicht da, bald nur unvollkommener vorhanden sein würde. […] Die Märchen also sind teils durch ihre äußere Verbreitung, teils ihr inneres Wesen dazu bestimmt, den reinen Gedanken einer kindlichen Weltbetrachtung zu fassen, sie nähren unmittelbar, wie die Milch, mild und lieblich, oder der Honig, süß und sättigend, ohne irdische Schwere; dahingegen die Sagen schon zu einer stärkeren Speise dienen, eine einfachere, aber desto entschiedenere Farbe tragen und mehr Ernst und Nachdenken fordern. Über den Vorzug beider zu streiten wäre ungeschickt; auch soll durch diese Darlegung ihrer Verschiedenheit weder ihr Gemeinschaftliches übersehen, noch geleugnet werden, daß sie in unendlichen Mischungen und Wendungen ineinandergreifen und sich mehr oder weniger ähnlich werden.»
Dass diese Taxonomie von Sage, Mythos und Märchen eine Aktualität besitzt, dass sie als Erzählformen am Leben sind, ist der Grund warum hier von ihnen berichtet werden soll; sie sind nach wie vor Konstruktionsvorlagen für die Realität. Ihnen entsprechend wird die Wirklichkeit nicht nur erfasst und wahrgenommen, sondern auch geformt, geplant und belebt.

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